Noch 5 Tage…

Freitag, der Tag vor dem entsetzlich langweiligen Wochenende. Wir wollten eigentlich heimlich abhauen und einen Weihnachtsmarkt besuchen. Nur, die Leute hier in der Klinik sind so nett und wir wollen sie nicht verärgern. Deswegen feiern wir den 1. Advent am Krankenbett, besser gesagt in der Kantine. Ich brauche einen Erfolg in der Heilung der Wunde und keine verärgerten Schwestern, Pfleger und natürlich Ärzte.

Die Reistage haben sich erledigt, der gewürzlose Zauber ist vorbei, der Erfolg dieser Maßnahme meßbar. Mir hat es nicht viel ausgemacht, ich esse gerne Reis.

Der große Knall…

Was ein Schiet… Am Morgen um 6 Uhr drehte ich mich im Bett um, bekam etwas Übergewicht auf der einen Seite und flog aus dem Bett auf den Fußboden. Dort hampelte ich wie ein Maikäfer auf dem Rücken. Zuerst sah es so aus, als sein nichts geschehen. Dann fing meine Wunde an zu bluten. Mit freundlicher Hilfe der Nachtschwestern und unseres Pflegers enterte ich das Bett. Die Wunde mußte  genäht werden, war allerdings nicht ganz so schlimm, wie es anfangs aussah. Die Hoffnung auf Entlassung am 30. November war anscheinend dahin.

Dann allerdimgs wurde bei der Visite besprochen, mich nach der Entlassung in die Tagesklinik zu verlegen und meine Wunde sowie den Zucker noch etwa länger beobachten zu können. Das kam mir sehr entgegen, hatte auch darauf gehofft. Besser als Krankenhaus ist das alle Mal. Der Haken dabei ist, ich muß mich noch einmal in der Klinik links der Weser vorstellen um die Wunde ansehen zu lassen. Ich habe größte Angst, das man mich dort  behalten will.

Gegen 16 Uhr ging es los. Die Männer des Bremer Patiententransportdienstes fingen mich ein und verfrachteten mich in ihren Bulli. Hoffentlich geht das schnell vorbei. Aber wir hatten Berufsverkehr. Es dauert und dauert, meine Panik kam wieder auf und vergrößerte sich ungemein.

Im LdW angekommen lag ich dann auch noch eine halbe Stunde im Notfallraum auf der Liege. Der Oberarzt kam und bewunderte zuerst meine Hartneckigkeit fürs LdW. Er untersuchte die Wunde, gab Entwarnung und entließ mich wieder in mein Bett im St-Josef- Stift. Ich war erleichtert und durfte mich auf die Tagesklinik freuen.

Am Ende ging der Tag noch ganz gut aus.

Noch 7 Tage…

Der Morgen zog ich so dahin. Mit REHA-Gymnastik und Ergotherapie. Mittag gabs Reissüppchen, gediegen zusammengestellt vom hauseigenen Koch. Die Höhepunkte an dieser Reisdiät sind die Hühnerhofbirnen. Die esse ich sehr gerne, bekomme sie aber sehr selten. Es gab nicht viel interessantes an diesem Abend.

Noch 8 Tage…

Ich hab lange schlafen dürfen, bis gegen 8 Uhr, vollkommen untypisch für ein Krankenhaus. Aber dem Personalmangel geschuldet kamen wir in der Aufweckrunde als letztes Zimmer dran. Ich war schon wach und bereit für kaltes Waschwasser, wenn auch nicht mit der nötigen Begeisterung.

Die erste Runde mit der netten Ergotherapeutin verlief ohne körperliche Anstrengung. Es waren einige Hilfsmittel für Zuhause auszusuchen. Danach wieder Strippenziehen bis der Muskelkater kam. Nagut, der war schon längst da und ärgerte mich. Mein rechter Flügel gab Rauchzeichen.

Vor meinem Zimmer saß die Psychlogin und wartete geduldig auf mich. Hier wird man sehr gut betreut, auch psychologisch. Es scheint notwendig, ein solcher Eingriff in oder am Körper ist nicht unbedingt normal.

Dann kam das letzte normale Mittagessen, bevor die Reiskur anfing. Nachmittags noch schnell einen Kaffee getrunken, dann Reisfutter erwarten und genießen.
Es war Abend, der Gaumenschmaus, Reis in vielen Variationen, kam und ich hatte schon einen feuchten Mund, mit tropfte der Gierspeichel aufs Hemd. Bis ich den ersten Bissen probierte. Auf jedem U-Boot wäre der Alarm losgegangen und die Mannschaft über die Notausstiegsluken geflüchtet. Jetzt muß man ehrlicherweise gestehen, der positive Effekt tritt nur auf, wenn kein Fitzellchen Fett im Spiel ist.  Trotzdem…

Noch 9 Tage…

Und wieder geht alles schief. Vom Hobbydiabetiker bin ich in den Stand des Schlimmdiabetikers erhoben worden. Eure Worte, es wird schon werden, überzeugen mich nicht. Ich schiebe schlimmste Panik.

Nun bricht alles über mich herein, keine Zeit mehr für Panik. Ergotherapie, Gymnastik, Sozialstation reißen sich um mich. Am Mittag sollte sich eigentlich alles etwas beruhigt haben. Denkste, urplötzlich wird wieder etwas neues angefangen. Statt hier im Krankenhaus zu bleiben, muß ich etwas auswärts, neben der Klinik, zur Psychotherapie. Hin, über Stock und Stein gelange ich mit Begleitperson, zum Schieben. Die Sitzung ist kurz und knapp, ich erhalte etwas an Medikamenten zur Stimmungsaufhellung. Dann darf ich zurück in die Klinik. Ich will aber nicht warten und fahre, verbotenerweise, selbst. Erst einen kleinen Berg hinauf, Newton hat wohl etwas dagegen, ich bin stärker. Oben angelangt geht es auch schon wieder begab. Am Ende des Weges steht aber ein etwas teuerer Wagen mit einem Stern. Also abbremsen ist angesagt. Mitten im Gefälle wird es etwas schnell und ich ziehe die Handbremsen an meinem Streitwagen. Leider arbeiten die Dinger nicht synchron und somit drifte ich nach links ab. Gefährlich nahe am Gebüsch komme ich dann zum stehen. Es wäre im Winter nicht weiter schlimm gewesen, der Urwald am Wegesrand war entlaubt und somit hätte man mich sofort gefunden. Anders als Sommertags, da wäre eine Schneise übriggeblieben. Den Rest des Weges bremste ich mich vorwärts.

Jetzt war als nächstes Seileziehen angesagt, Rudermaschine sagte ich dazu. Mit einem, gefühlt, 4 mal gebrochenem Arm zog ich mir den nächsten Muskelkater zu. Ein Muskelkater ist so anhänglich wie ein Gerichtsvollzieher oder die Schwiegermutter.

Der Vormittag brachte noch eine leckere Überraschung. Es gab fürs Mittagessen am Mittwoch leckeres Sauerkraut. Durfte mir davon eine doppelte Portion wünschen. Mit Kartoffelpü. Das gab mir den ganzen Tag einen Superauftrieb meines Wohlbefindens. Suren Kappes ist eine meiner Heimatspeisen. Womöglich noch mit Eisbein. Dann aber kam der große Knall…

Wegen meines erhöhten Zuckerwertes sollte ich eine Reiskur machen, ab dem nächsten Abendessen. Wohlbefinden war kaputt. Drei lange Tage erwartet mich anscheinend nur Reis.

So geschunden geht der Tag vorbei…

Am 5. und 6.Tag…

Der 5. und 6. Tag ist das Wochenende, das erste in der Klinik. Kaum etwas ist so spektakulär wie ein Wochenende im Krankenhaus. Hier geht aber auch garnichts, keine Post geht ab, keine besonderen Veranstaltungen, also einfach garnichts.

Machen wir uns selber eine Veranstaltung. Sonntag nachmittag wollen wir versuchen, ob der kranke und geschundene Körper ins Auto passt. Er passt. Damit sich das ganze Manöver auch lohnt, fahren wir ein Stückchen durch Bremen. Naja, wir stauen uns durch Bremen, sind aber sofort wieder da. Es ist ja auch eine Versicherungssache und wir wollen niemanden verärgern. Jetzt ist nur noch interessant, ob ich ohne fremde Hilfe, also auch ohne Feuerwehr mit ihren Blechscheren, aus dem Wagen und in den Rolli komme. Auch dieses funktioniert, sogar besser als der Einstieg. An dem muß ich noch arbeiten.

Anschließend, statt Currywurst, sitzen wir in der Krankenhauskantine bei Kaffee und Fleischapfel. Der Fleischapfel ist eine Konstruktion aus Hack und konsequentem Wasserentzug. Er ist so dröge, wie sich mancher Hausbesitzer seine Kellerwände wünscht. Das schneiden mit einem scharfen Messer ähnelt dem einer festen Kartoffel, welche mit Schmackes über dem Mittagstisch schießt, wenn man sie zu quetschen versucht.

Der 4. Tag, alles kann, nichts muß…

Freitag mit Gymnastik an der Rudermaschine. Mein Muskelkater scheint eine Zeit des Beleidigtseins mitzumachen. Er ist weg und kommt nicht wieder. Körperlich geht es mit blendend, naja…

Visite mit der Stationsärztin und der Oberärztin. Kurzes Panikgefühl als man mir sagte, es wäre besser, noch etwas hier zu bleiben,nach der REHA. Die Selbständigkeit zu Hause wird angezweifelt. Aber dann gibt es doch die Zusage zum rechtzeitigen Beenden der Maßnahme.

Jetzt tritt der Plan „es ist Wochenende, nix passiert“ in Kraft.

Ich liege übrigends seit Donnerstag am Fenster und schaue mir den Sternenhimmel an. Meine Gedanken gehen nach Föhr, die letzten Tage mit zwei Beinen ziehen nocheinmal an mir vorüber. Ich war krank, konnte nicht mehr laufen, hatte mich aber benommen, wie ein Premiumarschloch. Kaum ein Satz meiner Frau lies ich an mir vorüberghen, ohne Krach und Zank. Ich begreife es immer noch nicht, warum ich nichts gemerkt habe.

Der 3. Tag, es scheint loszugehen…

Heute sieht es hier im St. Josef wesentlich besser aus. Wieder Gymnastik, dieses Mal an der Rudermaschine. Der Muskelkater ist fast weg und die körperliche Bewegung tut mir  gut. Jetzt kommt auch noch die Ergotherapie hinzu. Wir versuchen den Gang zur Toilette und das Anziehen der Hosen ohne gleich auf den Schnabel zu fliegen. Klappt noch nicht so ganz, wird aber besser. Röntgenaufnahmen werden noch gemacht.

Gegen Mittag kommt der Orthopädietechniker und bringt mir ein Silikonstrumpf um das restliche Bein in Form zu bringen. Es gibt beim Anziegen dieses Elefantenpimmel keine Schwierigkeiten. Am 1. Tag bleibt der Silikonstrumpf zwei Mal eine Stunde am Bein. Dann Morgen das Doppelte, bis es ab dem 4.Tag je zwei Mal 4 Stunden sind. Und das bleibt die ganzen Wochen so. Es gibt keine Probleme. Dieses Teil auf dem eigenen Ständer sieht aus, wie eine Leuchte von IKEA.

Jetzt stellt sich heraus, meine „Liegezeit“ dauert hier 16 Tage und ist am 30.11. zu Ende.