Nach Thüringen, wo immer das auch liegen mochte. Die notwendigen Vorbereitungen begannen schon einige Wochen vorher. Es wurden Kleidungsstücke sortiert, gewaschen, obwohl sie ja gewaschen waren. Und immer wieder umsortiert.

Dann, zwei Tage vor der großen Fahrt ging ich mit meinem Vater in
ein Geschäft, in der Schwelmer Innenstadt. Er kaufte dort Unmengen
an Schokolade, Bananen und Orangen. Meine Mama sprach immer von den
armen Kindern in Afrika, wenn ich meinen Teller nicht leergegessen hatte.
Aber nach Afrika wollten wir doch nicht. Einfach nur nach Thüringen,
wo immer das auch liegen mochte.....

Ein ganzer Koffer ging nur für diese wunderbaren Lebensgenüsse drauf. Schokolade und Orangen gabs bei uns nur zu den Feiertagen. Was für eine Verschwendung, einen ganzen Koffer voll. Zu der Zeit war ich körperlich ein Hungerhaken, ein besseres tapeziertes Handtuch, also konnte ich doch auch was davon vertragen...... Mit den Mengen an Nylonstrümpfen konnte ich allerdings nix anfangen.

Der große Tag brach an. Ich konnte sowieso nicht schlafen, diese  Nacht. Wir fuhren mit der Bahn
nach Hagen. Von dort ging es mit einem D-Zug nach Thüringen. Gotha hieß die Stadt, wo wir in Empfang
genommen werden sollten. Wir und der Koffer mit den vielen Lebensgenüssen.

Die  Zugfahrt war sehr aufregend, wenigstens die ersten Stunden, bis alle Brote aufgegessen waren,
die Mama eingepackt hatte. Dann saß ich doch mehr oder weniger gelangweilt herum. Nun wußte ich auch,
was 8 Stunden Fahrt bedeuteten, Hunger, Durst, schmerzenden Hintern und die unendliche Kurzweil
eines Eisenbahnabteils. Das Fenster durfte ich nicht öffnen, wegen des Qualmes der großen Lokomotive.

Nun kamen wir irgendwann an die Grenze der Ostzone, wie man damals sagte. Oooooch nicht Italien? Ich mußte mich damit abfinden, nach Thüringen zu fahren, wo immer das auch liegen mochte......
Und kurz vor der Grenze flogen eine ganze Menge Zeitungen am Zug vorbei. Die Reisenden schmissen sie vor der Grenze aus dem Fenster. War das eine bestimmte Tradition, die man in dieser Gegend pflegte ? In gewissem Sinne, ja.......  Aber ich begriff erst viel später, warum man nicht mit den westdeutschen Zeitungen in die "Ostzone" fahren durfte.

Die Kontrolle an der Grenze ging auch vorbei. Ich verstand das ganze nicht. Alle die Leute, die vorher
schlimm geschimpft hatten, waren plötzlich schweigsam.

Inzwischen war es auch schon dunkel, die Zeit, zu der ich sonst ins Bett geschickt wurde, war längst erreicht. Ein Abenteuer für mich......

Und endlich waren wir da.
Gotha in Thüringen, wo immer das auch liegen mochte?
Jetzt wußte ich, wo es lag, ich war mittendrin.